Wissenswertes

Napoleon - ein militärisches Genie?

 

Die Frage, ob Napoleon Bonaparte ein militärisches Genie war, lässt sich aus heutiger Sicht auf jeden Fall bejahen. Was macht er anders, als seine Gegner? Was war neu an seinem Vorgehen? Wie gelang es ihm, zumindest in den Anfangsjahren seiner Herrschaft, zahlenmäßig überlegene Armeen zu schlagen?

Napoleon hat im Laufe seiner Zeit spektakuläre Neuerungen eingeführt, die für die Kriegsführung im 19. Jahrhundert ausschlaggebend  wurden. Beispiele dafür sind der Amerikanische Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten bis hin zum 1. Weltkrieg. Sein Geheimnis oder besser gesagt seine Überlegungen brachen mit der Strategie und Taktik des 18. Jahrhunderts und der bis dahin recht erfolgreich praktizierten Art des Kriegführens, die unter dem Preußenkönig Friedrich II., zur vollen Blüte kam. Die Linientaktik bestand darin, das meistens 3 Reihen von hintereinander aufgestellten Infanteristen auf den Gegner zumarschierten und ihre Musketen in einer möglichst schnellen Folge abfeuerten. Übrigens war es dem preußischen Musketier verboten auf den Gegner zu zielen. Es ging darum möglichst viele Salven in möglichst geringer Zeit auf die generischen Linien zu feuern. Die Linie war durch gegnerisches Artilleriefeuer schwer zu treffen. Friedrich II. modifizierte dies Taktik durch die schräge Linie, was den Einsatz der Truppen gegen plötzliche Flankenangriffe  beispielsweise durch gegnerische Kavallerie flexibler gestaltete. Der Schwachpunkt dieser Taktik war also die Flanke. Hatte der Gegner die längere Linie oder brach plötzlich die feindliche Kavallerie in die Flanke, war das Schicksal der eigenen Truppen meist besiegelt.

Napoleon seinerseits führte als Neuerung die Kolonne ein. Aus der Kolonne heraus marschierten zwei hintereinander aufgestellte Linien auf die gegnerischen Reihen zu. Kolonnen marschierten hintereinander und konnten so bei Bedarf rasch an Schwachstellen einspringen oder Flankenangriffe abwehren. Neu war der Einsatz von Scharfschützen. Diese Scharfschützen, genannt Voltigeure, schwärmten vor der eigenen Linien aus und sorgten durch gezieltes Störfeuer in den gegnerischen Reihen  für Unruhe. Für diese Truppenteile wurden meist sehr kleine und  behende Männer ausgewählt. Der kombinierte Einsatz von verschiedenen Waffengattungen innerhalb eines Armeecorps gewährleistete die Schlagkraft und Effizienz auf dem Schlachtfeld. Ein Armeecorps bestand aus mehreren Divisionen. Die Mannschaftsstärke konnte bis zu 30.000 Soldaten aller Waffengattungen betragen.

Napoleon war ein Perfektionist. Er studierte seine Gegner sehr genau und versuchte ihre Schwächen herauszufinden. Waren diese wiederum bekannt, nutzte er sie gnadenlos aus. Napoleon ließ seine Truppen getrennt marschieren und gemeinsam kämpfen. Auf die zeitlich exakte Abstimmung der militärischen Aktionen legte er größten Wert. Das beste Beispiel dafür ist die nahezu unentdeckte Verlegung der Invasions- oder Küstenarmee mit fast 200.000 Soldaten von der französischen Kanalküste nach Österreich, wo sie als Grande Armee einen glänzenden Sieg über Österreicher und Russen in Austerlitz erkämpfte. Die Truppen waren für die Invasion auf England bestimmt. Als Napoleon merkte, das England vom Festland nicht zu bezwingen ist, richtete er sein Augenmerk wieder auf den europäischen Kontinent. Dazu kam der Verlust eines Großteils seiner Flotte durch das Desaster von Trafalgar. Spätestens seit diesem Tag an dem Frankreich seine Flotte verlor, wurde Admiral Lord  Nelson Englands Volksheld. Napoleon war aber auch ein Meister der Täuschung und Propaganda. Zu seiner Zeit war er ein Medienstar, was er sichtlich genoss und für die Durchsetzung seiner  Ziele nutzte. Beispielsweise besuchte er, nachdem er den Marschbefehl für seine Truppen von der Kanalküste nach Österreich gegeben hatte, am selben Abend die Oper. Seine Gegner hatte er in perfekter Art getäuscht. Ein Kaiser, der mit seiner Gattin in die Oper geht, gibt keinen Marschbefehl an seine Truppen.

An Napoleons Person scheiden sich heute die Geister. Die einen sehen ihn als zügellosen Feldherren, der Europa nahezu 20 Jahre lang Krieg, Elend und Zerstörung brachte. Die anderen  den Erneuerer und Begründer eines modernen Europas.  Sein Ziel war die Schaffung eines gemeinsamen Europas, damals natürlich unter französischer Führung. Er war der Begründer des Code Civil, die Grundlage unseres bürgerlichen Gesetzbuches. Er sorgte für die Gleichstellung von Mann und Frau, setzte die Gewerbe- und Religionsfreiheit durch und brach nicht zuletzt die Vormachtstellung des Adels.

Sehe Napoleon Europa heute, würde er sich sicher bestätigt fühlen in seinen Visionen, auch ohne französische Führung.

 

 

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